Die Presseschau
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Sau K.T.: Exzentrisch untrendy: Die Kurpfalz-Weinstuben
Financial Times UK Berlin restaurateurs mark their histories by Nicholas Lander This month two Berlin restaurateurs are hosting dinners to mark significant landmarks in their respective histories. On May 31, Rainer Schulz will celebrate the 75th anniversary of
Kurpfalz-Weinstuben in the west of the city. In the north-east, Roy Metzdorf will host a party for the 70th birthday of his father Dieter, who inspired him to open his restaurant, Weinstein, in 1993
and then underwrote the losses during its first decade. |
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Futtern wie bei Muttern
Ob Bayer, Sachse oder Schwabe: In Berlin kann jeder so essen wie daheim. Regionale Küchen liegen im Trend
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Seit mehr als 30 Jahren dabei: Rainer Schulz,
Chef der Kurpfalz Weinstuben
Foto:Kai-Uwe Heinrich |
„Es gibt unzählige Restaurants in Berlin, die um Gäste wetteifern. Da sucht sich natürlich jeder Wirt seine Nische“, sagt Thomas Lengfelder, Hauptgeschäftsführer des Berliner Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga). „Und deutsche Küche ist in wie lange nicht.“ Nach Jahrzehnten, wo meist nur im Trend gewesen sei, was „international“ hieß, hätten viele inzwischen die Vorteile der heimischen Küche wieder zu schätzen gelernt. Diese habe sich dazu auch gar nicht groß verändert: „Meist schmeckt es doch so wie früher bei Muttern“, sagt Lengfelder. Selbst Sterne-Köche servierten inzwischen gerne Flusskrebs aus Brandenburg statt Fisch aus fernen Meeren. Auch Sonja Heimeier, Branchenkoordinatorin bei der Industrieund Handelskammer, beobachtet den Trend in Berlin. „Der Markt spiegelt die Vielfalt der Bewohner wider.“
Dass viele Berliner gerne Hausmannskost essen, merkt auch Rainer Schulz, Inhaber der „Kurpfalz Weinstuben“ am Adenauerplatz. „Das Landsmannschaftliche kommt hier langsam durch. Da bauen viele Wirte drauf.“ Die Spezialität des gebürtigen Hamburgers: Pfälzer Saumagen. Dafür hat auch schon einmal ein ehemaliger Kanzler bei ihm vorbeigeschaut. Fast könnte man denken, das 73 Jahre alte Restaurant ist die Karikatur einer Gaststätte aus dem Süden der Republik. Altmodische tomatenrote Geranien grüßen vor dem Eingang, drinnen ist es unter der tiefen Decke recht dunkel — aber urgemütlich. Geweihe, Ölschinken und Kupferstiche hängen an den Wänden der drei Räume, den Wein gibt es im Römer. „Wir verkaufen Ambiente“, sagt Schulz. Daher ist auch alles noch so wie bei der Vorbesitzerin. „Manche Gäste sagen, sie fühlen sich wie auf einer Zeitreise“, erzählt Bedienung Sabine Kunkel. Aber es sei nicht so, dass nur zugezogene Süddeutsche einkehren, sagt Schulz. „Zu uns kommen viele Berliner.“ Manche schauten auch einfach nur vorbei, weil der Schriftsteller Ces Nootebom die Gaststätte in seinem Roman „Allerseelen“ erwähnt hat.
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Juliane Schäuble
Gunter Gabriel, Chicka-Boom und kein Saumagen
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Es war wohl ein Fehler, Gunter Gabriel ausgerechnet in die Kurpfalz-Weinstuben einzuladen. Denn erstens bestellt er beim Hereinkommen ein alkoholfreies Weizenbier, was dem auf seine Weinkarte zu Recht stolzen Wirt Rainer Schulz eine schmerzhafte Grimasse übers Gesicht treibt. Zweitens stellt sich später heraus, dass dem Sänger, der mit „Deutschland ist...“ ein schönes Loblied auf das typisch Deutsche geschrieben hat, Saumagen, die typisch deutsche Spezialität des Hauses, nicht so richtig schmeckt. (Ich verkneife mir also den Vorschlag, eine neue Version des patriotischen Schlagers mit dem Titel „Deutschland isst...“ aufzunehmen. So eine kulinarische Reise durchs Vaterland: „Deutschland isst Currywurst mit Pommes, Matjes mit Pellkartoffeln, Maultaschen“ und so weiter.) Und drittens hat Gabriel aus dem Renaissance-Theater, wo er zurzeit die Hauptrolle in einem Stück über Johnny Cash spielt, eine Art Tross oder Entourage mitgebracht: seine Freundin, seinen Keyboarder, seinen Bodyguard, seinen Autohändler und einen befreundeten Fabrikanten aus dem Süddeutschen, die letzten beiden mitsamt Ehefrauen. Seinen Blackberry legt Gabriel gleich auf den Tisch: „Der Volker“ – das ist Volker Kühn, der Autor des Stücks „Hello, I’m Johnny Cash“, das nach einer erfolgreichen Saison in Berlin mit Gabriel nach Hamburg und Köln weiterzieht – „ruft gleich an, er will noch vorbeischauen, und der Ilja Richter auch. Das macht dir nichts aus, oder?“ Was soll man sagen? Natürlich nicht, aber in der dezent altmodischen Atmosphäre des Lokals wirkt unsere lärmende, lustige Gesellschaft ein bisschen deplatziert. Andererseits gibt es das „Big Eden“ nicht mehr.
Ein originales Stück West-Berlin Die Kurpfalz-Weinstuben sind ein originales Stück West-Berlin etwas abseits vom Kurfürstendamm. Man muss sie kennen, um sie zu finden, versteckt auf dem Hinterhof hinter einer Toreinfahrt. Das Interieur suggeriert mit dunkel gebeiztem Holz rustikale Gemütlichkeit, die Speisekarte ebenfalls: Neben Saumagen in verschiedenen Varianten gibt es Blut- und Leberwurst und Kohlrouladen, aber auch französische Merguez-Würste oder Cassoulet und zum Abschluss einen herrlich aromatischen englischen Stilton mit Portwein. Cees Nooteboom hat in seinem Roman „Allerseelen“ beschrieben, wie Rainer Schulz aus dem „Aufsagen der Speisen ein kleines Theaterstück“ macht, „das mit Ironie aufgeführt“ wird. Der gelernte Hotelkaufmann Schulz, inzwischen 72 Jahre alt, hat das im Dritten Reich gegründete Lokal 1975 übernommen, als man in Berlin noch Lambrusco aus Literflaschen trank, Chianti „Tschianti“ aussprach und einen trockenen Riesling mit einem „Boah, is det ’n saueret Zeuch“ ablehnte. (...) |
Ein Song für die B-Seite
Dass allerdings in Gabriels Aufzählung der Dinge, die zu Deutschland gehören, auch „Goethes Haus in Weimar, das Porzellan aus Meißen, die Fischer aus Schwerin“ gehörten, passte zwar auch zu Brandt, der in Erfurt von den DDR-Bürgern gefeiert wurde, und mehr noch zu Helmut Kohl, aber nicht zum Zeitgeist. „Die Plattengesellschaft sagte: Muss das sein mit Goethes Haus? Aber dann ließen sie’s drauf, weil der Song sowieso nur die B-Seite war von ‚Ich tanze nie mehr eng‘.“
B-Seite – ein Begriff aus einer untergegangenen, noch nicht digitalisierten Welt, so weit weg wie die ewige Kanzlerschaft Kohls, der bei seinen Berlin-Besuchen zuweilen in den Kurpfalz-Weinstuben einkehrte. „Er aß immer das Gleiche. Nicht Saumagen, sondern Leberkäse mit Spiegelei“, erinnert sich Schulz. „Die Speisekarte wollte er nie sehen, Vorschläge wollte er nicht hören. Er wusste immer genau, was er wollte.“
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Raconteur und Bühnen-Sponti
„Hello, I’m Johnny Cash“ mag da eher wie ein Rückschritt aussehen, schließlich begann Gabriel seine Karriere als „der deutsche Johnny Cash“. Er meint aber, dass ihm, dem Raconteur und Bühnen-Sponti, die Disziplin der Proben, des Auswendiglernens und der Auftritte gut getan habe. Und der Erfolg des Stückes beschert ihm ein regelmäßiges Einkommen und dadurch die Freiheit, sich um neue Projekte zu kümmern. Gabriel setzt gerade an, davon zu erzählen, da bringt Schulz das Essen.
Henryk M. Broder hat neulich den Saumagen zu einer bedrohten Spezies erklärt, die zuletzt „auf einem Wochenmarkt bei Pirmasens“ gesichtet worden sei. Aber er lebt und gedeiht in Berlin-Charlottenburg.
Gabriel bestellt dann doch Wein
Schulz erklärt das Rezept: Man nehme einen sorgfältig gereinigten Saumagen, der mit Wurstbrät, Schweinemett, Zwiebeln, gewürfeltem Schweinenacken und gewürfelten blanchierten Kartoffeln, Eiern und reichlich Majoran, Salz und Pfeffer gefüllt und gut verschlossen wird. Dann kommt der Saumagen vier Stunden bei 80 Grad in den Kessel, danach wird er in kaltem Wasser abgekühlt und anschließend anderthalb bis zwei Stunden bei mittlerer Hitze in der Röhre gebraten, in Scheiben geschnitten, und mit Sauerkraut und dunklem Brot serviert.
Alan Posener in "Die Welt" 05.07.2011
http://www.welt.de/kultur/musik/article13466952/Gunter-Gabriel-Chicka-Boom-und-kein-Saumagen.html
Kurpfalz-Weinstuben

